Dietenbach

Detailanalyse des Energiekonzeptes

Detaillierte Ergebnisse

Analyse der Energiekonzepte für Dietenbach

Pluspunkte des vorgelegten Energiekonzepts Var. 4

  • Statt fossiler Brennstoffe werden lokal verfügbare, erneuerbare Wärmequellen wie Grundwasser und Abwasser genutzt. Damit werden nicht nur CO2-Emissionen sondern auch verbrennungsbedingte Schadstoffe vor Ort vermindert.
  • Die Wärmeversorgung erfolgt leitungsgebunden. Damit werden auch Schallemissionen durch Luftwasser-Wärmepumpen vermieden.
  • Der Strombedarf wird bilanziell großteils durch lokal erzeugten Sonnenstrom gedeckt. Hierfür werden ein Großteil der Dachflächen und – wenn erforderlich – auch Fassadenflächen reserviert.

Kritikpunkte am vorgelegten Energiekonzept Var. 4

1. Ziel Klimaneutralität wird verfehlt – bereits die Strombilanz ist negativ

Die Wärmequellen sind zwar CO2-frei. Aber in der Jahresbilanz für Strom werden – ohne Wasserstoff – 32 GWh/a aus dem Netz bezogen, aber nur 22 GWh/a ins Netz eingespeist. Das heißt, die Energiebilanz allein für die Energieversorgung der Gebäude ist bereits negativ[1]. An anderer Stelle müssten rund 10 GWh/a zusätzlicher PV-Strom oder Windstrom erzeugt werden. Das entspricht rund zusätzlich 60.000 m2 Dachfläche (vereinfacht: 6 m2/kW Dachfläche, erzeugen 1 MWh/a).

Das Energiekonzept erreicht „Klimaneutralität“ nur mit Hilfe von CO2-Gutschriften für Wasserstoff-Exporte in die Region. Allerdings gibt es gerade am Standort Freiburg auf absehbare Zeit keinen Überschuss an erneuerbarem Strom, schon gar nicht in der hier erforderlichen Menge von 40 GWh/a.

Die Treibhausgasneutralität von Dietenbach hängt damit maßgeblich von dem Markterfolg der Betreiber der Wasserstofferzeugung ab – und zwar auf einem Markt, der gerade erst im Entstehen ist.

Fazit: Die CO2-Bilanz für die Energieversorgung der Gebäude ist negativ. Damit wird bereits die erste Stufe auf dem Weg zur Klimaneutralität verfehlt.

[1] Eine ausgeglichene Strombilanz ist nur der erste Schritt. Um Klimaneutralität zu erreichen, sind weitere Maßnahmen erforderlich, siehe Anhang.

2. Kostengünstige Energie für das Ziel „bezahlbarer Wohnraum“ wird verfehlt

Das Energiekonzept ist mit unnötig hohen Energiekosten und erheblichen Preisrisiken verbunden, die das Ziel „bezahlbarer Wohnraum“ gefährden.

  1. Unnötig hoher Wärmebedarf: Statt dem Effizienzhausstandard KfW 40 wird im Wohnbereich lediglich der Freiburger Effizienzhausstandard 55 angestrebt, im Bereich Gewerbe sogar nur Effizienzhaus 70. Damit haben die Gebäude einen rund 50 % höheren Wärmebedarf im Vergleich zu hocheffizienten Gebäuden mit KfW-40-Standard.
  2. Hohe Wärmeverluste im Netz: Das geplante heiße Wärmenetz muss ganzjährig auf rund 65 °C aufgeheizt werden. Auch im Sommer, wenn nur Brauchwasser benötigt wird. Dadurch gehen rund 30 % der erzeugten Wärme bereits im Netz verloren.
  3. Hoher Stromverbrauch in der Erzeugung: Wegen der hohen Vorlauftemperaturen benötigen die zentralen Großwärmepumpen rund 30 % mehr Strom im Vergleich zu einer dezentralen Erzeugung auf dem Temperaturniveau der Heizwärme.
  4. Zusätzliche Kosten und Stromverbrauch für die Wohnraumkühlung: Die Klimaszenarien zeigen, dass bereits das Rieselfeld ein klimatischer Hotspot ist. Dies ist gleichermaßen für Dietenbach zu erwarten. Da nur heiße Nahwärme geliefert wird, müssen in allen Gebäuden zusätzliche Anlagen für die Kühlung errichtet werden. Die zusätzlichen Kosten und der zusätzliche Stromverbrauch, z.B. für Klimageräte, sind in der Studie nicht enthalten.
  5. Kostenrisiko Netzstrom statt PV-Eigenstrom für Wärmepumpen: Aufgrund der Zentralisierung der Wärmepumpen in einer Energiezentrale beziehen die Wärmepumpen statt kostenstabilem PV-Strom aus eigener Erzeugung teuren Netzstrom. Allein die Börsenturbulenzen im Oktober mit Preissteigerungen von über 100 % haben deutlich gemacht, welche Kostenrisiken hier in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten sind.
  6. Kostenrisiko Wasserstoff: In der Wirtschaftlichkeitsrechnung werden Kosten und Erlöse für die Wasserstofferzeugung nicht unabhängig kalkuliert, sondern sind vollständig in dem Wärmepreis eingerechnet. Da es aktuell weder für Kosten noch für Erlöse belastbare Marktdaten sowie Szenarien für die nächsten 20 Jahre gibt, werden die Wärmepreise mit einem sehr hohen Kostenrisiko belastet.
  7. Kostenrisiko Ausschreibung: Gemäß der aktuellen Planung sollen bereits die wesentlichen Anlagen und die Wärmelieferung für die ersten vier Baufelder (Bauzeit bis 2033) und damit für rund 74 % des Gesamtwärmebedarfs ausgeschrieben werden. Damit werden in einer aktuell höchst turbulenten Marktphase Angebote von Unternehmen für eine 10-jährige Wärmelieferung angefordert. Höhere gesetzliche Effizienzstandards, neue Förderprogramme, neue Technologien, Wettbewerb – all diese Faktoren können nicht berücksichtigt werden. Die Anbieter unterliegen damit einem sehr hohen Projektrisiko – allein in diesem Jahr haben die Hersteller von Wärmepumpen die Preise um 10 bis 15 % erhöht. Diese Risiken müssen letztlich auf die Wärmeverbraucher abgewälzt werden.
  8. Kostenrisiko Fördermittel: Die Wirtschaftlichkeitsrechnung der Var. 4 basiert auf einer 40 % Investitionsförderung für die gesamte Infrastruktur! Ob, zu welchen Konditionen und in welchem Umfang diese Fördermittel überhaupt in Anspruch genommen werden können, wurde in der Studie nicht dargestellt und ist aktuell hochgradig ungewiss, erst recht für einen Investitionszeitraum von 10 Jahren.
  9. Wirtschaftlichkeitsrechnung ohne Versorgermarge und Projektrisiken: Die Wirtschaftlichkeits­rechnung umfasst keinerlei Versorgermarge, sondern basiert ausschließlich auf Kosten. Ebenso wurden keinerlei Aufschläge für die Absicherung von möglichen Projektrisiken berücksichtigt. Gleichermaßen wurde bisher auch nicht belegt, dass eine vertragliche Anschluss- und Nutzungsverpflichtung der Wärmeversorgung wirtschaftlicher ist gegenüber einer eigenständigen, klimaneutralen Energieversorgung.

Fazit

In der Summe werden die Dietenbacher Bürger:innen und Unternehmen mit unnötig hohem Energieverbrauch, mit unnötig hohen Energiekosten und mit unnötig hohen Kostenrisiken belastet.

 

 

Anhang „Klimaneutralität“

Begriffe wie Klimaneutralität, Treibhausgasneutralität und CO2-Neutralität werden oft unscharf oder synonym für den Ausgleich zwischen Emissionen und Senken verwendet.

  • Klimaneutralität ist dem Wortsinn nach erreicht, wenn es über einen Referenzzeitraum zu keinerlei globaler Erwärmung kommt. Dazu müssten sämtliche menschengemachten und natürlichen Einflüsse, die zu einem globalen Temperaturanstieg führen, wie z.B. ausgestoßene Treibhausgase (CO2, CH4, N2O, Industriegase u.a.), CH4-Emissionen aus dem Auftauen von Permafrostböden oder Veränderungen der Albedo, durch entsprechende Senken zum Entzug von Treibhausgasen aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Vergleichbar werden die unterschiedlichen Treibhausgase über die Verrechnung ihrer spezifischen Treibhauspotenziale und ihrer Verweildauern im gegebenen Referenzzeitraum, angegeben als CO2-Äquivalente (CO2e).
  • Treibhausgasneutralität bezeichnet dagegen alle Emissionen von Treibhausgasen, die sich nicht durch z.B. Verzicht auf fossile Energieträger vermeiden lassen, wie beispielsweise in der Landwirtschaft, im Gegenzug durch entsprechende Senken (Entzug von Treibhausgasen aus der Atmosphäre) auszugleichen (Netto-Null-Emissionen), vgl. auch DENA 2020).

Im Falle von Dietenbach werden bislang zur Erreichung des Ziels „klimaneutral“ nur die Emissionen betrachtet, die nach Fertigstellung der Gebäude im Betrieb anfallen.

Um in diesem Sinne zumindest treibhausgasneutral zu sein, muss die Bilanz der Treibhausgase für den Betrieb bereits am ersten Tag nach der Fertigstellung eines Gebäudes oder Bauabschnittes neutral sein.

Für eine ehrliche CO2-Bilanz müssen hierbei die Emissionen des Stromimports aus dem Netz und des Stromexports in das Netz anhand der tatsächlichen CO2-Emissionen am Standort Freiburg (z.B. beim Strom Knotenpunkt Eichstetten 2025 (ohne Kernenergie)) berechnet und im zeitlichen Verlauf eines Jahres bilanziert werden, da gerade im Winter der Kohlestromanteil im Netz deutlich höher ist als im Sommer mit viel PV-Strom.

Für einen umfassenderen Begriff von einem treibhausgasneutralen Stadtteil müssten sämtliche Quellen und Senken von Treibhausgasen betrachtet werden. Hierzu gehören insbesondere die Treibhausgasemissionen, die bereits mit der Vorbereitung des Baugeländes und beim Bau der Infrastruktur und der Gebäude anfallen, wie aber auch die wegfallenden Senken durch Pflanzenwuchs, Böden durch Versiegelung.

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB hat für diese Bilanzierung ein Rahmenwerk erarbeitet. Demnach kann eine CO2-Bilanz für die Betriebsphase (Bilanzierungslevel 1) und für die Bau- und Rückbauphase (Bilanzierungslevel 2) erstellt werden. Im Sinne der obigen Anmerkungen bilanziert das Regelwerk allerdings nur die Treibhausgasneutralität, nicht die Klimaneutralität.